Geschichten vom Schilderförster: Gelassenheit am Steuer

Wenn ich mit meinem privaten PKW zur Hauptuntersuchung fahre, pule ich zuvor das Kabel unter der Lenkradverkleidung hervor und stecke die losen Enden wieder zusammen. Ich brauche keine Hupe!

Hupen ist in meinen Augen ein Ausdruck von Schwäche! Welchen Wert hat es, sich beim Versuch das Lenkrad in die Armaturen zu drücken, eine Zerrung im Nacken zu holen? Du kannst genauso gut einen Gang runter schalten, abbremsen und gelassen denken, – Tja mein lieber A6, der du gerade blind in meine Spur geschert bist, wenn ICH nicht so ein verdammt aufmerksamer Fahrer wäre, hättest du dich gerade achtmal um deine eigene Achse gedreht und ständest jetzt in der Bushaltestelle dort drüben. Hab ich gut gemacht, oder? Schönen Tag noch!-

Was hätte ich davon gehabt, dem Audi, den Leuten an der Bushaltestelle, dem Kleinkind im dritten Stock des Hauses an der Ecke und der Gänsefamilie auf dem Grünstreifen dort, zu beweisen, dass ich eine Hupe habe? Würde der A6 nie wieder einen unüberlegten Spurwechsel vornehmen? Und ich, habe ICH noch nie in Gedanken jemanden geschnitten? Ich glaube, für den durchschnittlichen Kraftfahrer ist diese Fragestellung, sobald er hinter einem Lenkrad sitzt, einfach zu komplex!

Nein, ich brauche echt keine Hupe und das Kabel unterbreche ich, weil die drei Tasten an meinem Lenkrad sehr unglücklich positioniert sind und verdammt leicht auslösen. Ich würde es, angesichts meiner explizit radikalen Meinung, nicht ertragen, selbst versehentlich zu hupen. Und ja, es ist mir wirklich vollkommen egal, ob jemand vor mir die halbe Grünphase verpennt! Wenn ich es mal wirklich eilig haben sollte, blende ich ein, zweimal kurz auf, das bemerken diejenigen in der Regel auch und ich wecke keine Hunde.

Warum erzähle ich das alles schon wieder? Naja, neulich in der Roonstraße quetsche ich meinen Pritschenwagen unverschämt nah an die linksparkenden Autos, damit zur Not noch Fahrzeuge meine Arbeitsstelle passieren können. Verdammt eng dort! Es vergeht nur ein Moment, da kommt der erste Pkw. Hält kurz, peilt die Lage und fährt dann langsam an mir vorbei. Alles paletti! Kurz darauf kommt sogar ein Lieferwagen. Der Verrückte hat die Augen eines Adlers und fährt in einem Zug durch die enge Passage!
Ich bin fast fertig mit der Arbeit und eine Taxe biegt in die Straße. Der Fahrer muss mich aus knapp hundert Metern gut sehen können, denn ich habe meine Rundumleuchte eingeschaltet. Dennoch brettert er die Straße herunter, als wäre der Teufel hinter ihm her. Das Pflaster brüllt auf, die Vögel stieben aus den Baumkronen und die Babys sind endlich wieder wach! Ich denke mir dabei gar nichts… Angekommen, geht der Fahrer in die Eisen, funkelt mich wütend an, Flüche (der arme Fahrgast), und ich zurre meine Schilder fest. Er schlägt beide Arme auf die Hupe, als müsse er sich gegen das Tor zur Hölle zu stemmen. Keine Sekunde des Zögerns, kein Augenblick, um die Lage abzuschätzen. Wie eine Urgewalt, pur, entfesselt, animalisch! Aber auch ein bisschen dumm…