Geschichten vom Schilderförster: Kommt jetzt das Sandmännchen?

Ich bin immer wieder erstaunt, welch unterschiedliche Reaktionen die Menschen auf mein Erscheinen zeigen: ich in Warnkleidung und ein Kleinlaster mit Reflektoren und grell blinkender orangefarbener Warnleuchte, der die Straße blockiert. Es wird gehupt, gepöbelt oder gegrinst und gewunken (war wohl unsere Kundin persönlich). Menschen laufen panisch auf die Straße in der Befürchtung, ich wäre der Abschleppdienst, oder sie fragen „wollen Sie schon wieder die ganze Straße aufreißen?“. Nein! Es will einfach nur einer ihrer Nachbarn umziehen.

Eine Gruppe von Menschen jedoch reagiert speziell auf mich: sie bleiben stehen, meist mit offenem Mund und großen Augen und verwurzeln sich tief in den Fugen zwischen den Gehwegplatten. Jede Mühe ihrer Eltern, sie auch nur einen Meter weiter zu bekommen, ist vergebens, bis ich meine Arbeit vollendet habe – Kinder. Ganze Kita-Gruppen, die gerade noch Hand in Hand ordentlich dahinzogen, müssen ermahnt werden „nach vorne gucken!“, doch zu spät! Die Hälfte der Köpfe haben sich mir zugewandt. Nach diversen Auflauf-Unfällen bleibt die Gruppe in wildem Chaos stehen und muss danach komplett neu aufgestellt werden. Faszination für das blinkende Warnlicht ! Das Hypnoselicht und seine Kinder.

Letztens nach einem viel zu langen Tag komme ich an meine letzte Station, schmale Wohnstraße, alle suchen gerade einen Parkplatz. Ich wähle also das Vollprogramm an Geblinke, um nicht weiter behelligt zu werden. Kaum bin ich ausgestiegen, sehe ich, wie sich zwei müde Augenpaare an meine Fersen heften; müder Papa mit dem schläfrigen Sohnemann auf dem Arm. Ich komme vorbei und sage „Hallo!“ „Was machst du daaaaa?“, kommt zurück. Artig erkläre ich, dass eine Nachbarin umziehen möchte und dafür nächstes Wochenende ein Möbellaster kommt, und dass ich mit meinen Schildern den Autos verbiete, dort zu stehen. Große Augen gucken mich an und verfolgen weiterhin jeden meiner Schritte und Handgriffe. Fast fertig mit meiner Arbeit komme ich noch einmal an ihnen vorbei. „N‘ schönen Abend noch“, wünsche ich den beiden. Er sagt, „na ja, ich glaube, wir können direkt ins Bett gehen, das Sandmännchen haben wir ja schließlich schon gehabt“. Ich stutze. Sandmännchen? Er meint tatsächlich mich. Cool, denke ich auf dem Weg nach Hause, ich wäre gern öfter nur das Sandmännchen!
R.